Katalogtexte

Karin Wiese - Essen 2010

Risse im Straßenpflaster, Schrunden in Häuserwänden, raue Rinden hundertjähriger Bäume, von unendlich vielen Schritten gezeichnete Treppenstufen, Steine von Moos bewachsen. Spuren und Abdrucke vergangenen und fortlaufenden Lebens - einen Augenblick in unsere Wahrnehmung geraten, können sie zum gedanklichen Ort für Geschichte und Geschichten werden, zum Ort, um innezuhalten, wahrzunehmen und einen Moment lang Melancholie über das Schöne in der Vergänglichkeit des Lebens zu spüren. An solchen Orten haben Zeit und Zusammenwirken der Elemente, kontinuierlich neue Zustände der ursprünglichen Materie hervorgebracht. Sie sind gleichsam Orte, an denen die Verwandlungen des Lebens ihre eigene Sprache finden und sich selbst ausdrücken. Obschon die gemächlichen Verläufe, wie sie die Natur durch Prozesse des Vergehens, Verwitterns und des Verfalls hervorbringt, mehr und mehr von industriellen Beschleunigungsprozessen abgelöst, von schrillen Plastikwelten und clean designten Oberflächen verdrängt werden, gibt es sie noch. Man muss nur bereit sein sie zu sehen, aufmerksam zu sein, innezuhalten und zu schauen.

 

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Astrid Brandt - Bleistift Papier

Chaise longue, Diptychon, Teil 1, 2006 von Astrid Brandt

(Astrid Brandt 2006: Chaise longue, Diptychon Teil 1, 13,5 x 22 cm)

Einleitung

Zeichnungen bilden den Schwerpunkt im Schaffen von Astrid Brandt. Doch was wir gemeinhin mit dem Begriff Zeichnung verbinden, erfasst die Bilder dieser Künstlerin nur zum Teil, nämlich insofern sie mit dem Bleistift auf Papier gebracht wurden. Hingegen findet man das Spontane, Unmittelbare, auch fragmentarische oder gar Linienhafte, das man mit der Gattung der Zeichnung assoziieren könnte, hier nicht vor, vielmehr eine derart verdichtete Verarbeitung des zeichnerischen Materials, dass die Nähe zu einer eigenständigen Malerei sehr groß wird. Auch könnte man mit gleichem Recht auf eine Verwandtschaft zur Fotografie verweisen, beruhen die Zeichnungen doch zumeist auf fotografischen Vorlagen, die allerdings von der Künstlerin eher als Ausgangsmaterial, Bildanlass, als Anregung und Motivlieferant verwendet werden und durch die Art der Bearbeitung eine starke Verfremdung erfahren.


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