Reinhard Wessolek - 18.06.2013


Die hier ausgestellten Plastiken von Reinhard Wessolek sind solche Gegenstände, solche dreidimensionalen Wirklichkeiten, die hier ganz präsent sind und die ihren Raum deutlich umgrenzen und sogar um sich herum ausdehnen. Das besondere an diesen Gebilden ist aber, dass sie, indem sie Raum einnehmen, sich zugleich dem Raum öffnen. Der Raum fließt gleichsam durch sie hindurch und damit ebenso das Licht. Es sind Plastiken, die sich im Spiel des Lichtes in einer vibrierenden Spannung zwischen Körper und Raum bewegen. Das trifft auf die Säule zu, die als klassischer Bronzeguss  eigentlich gewichtig ist, jedoch durch ihre schlanke und eingekerbte Form in eine unangestrengte Streckung nach oben gerät. Mit ihren regelmäßigen Löchern ebenso wie mit den  sich wiederholenden Einkerbungen wirkt sie der Schwere entgegen. In ihrer archaischen Wirkung wie eine Hommage an den großen Bildhauer Constantin Brancusi und seine unendliche Säule,  entfaltet sich die Form in  wiederkehrendem Rhythmus himmelwärts und könnte sich noch endlos fortbewegen. Aufrecht Stehen und in den Himmel wachsen sind zwei Grundbewegungen, die dieser Säule Ruhe und ebenso Spannung geben.

Die beiden abstrakten Gebilde aus Papier und Draht geschaffen, erinnern in ihrer klaren, symmetrischen  Gestalt und aufnehmenden Geste an Gefäße. Wie das Bild einer überdimensionalen Schale, die sich stark zum Raum hin öffnet und in der etwas aufgefangen werden könnte, erscheint die flache Form. Die große ist viel geschlossener, hat – als Gefäßform betrachtet - nur eine kleine Öffnung. Ihre zugleich spielerisch und streng rhythmisch aufgespannte Außenkontur betont das Umschließende. Allerdings wird der Gedanke an ein Gefäß, das an sich eine klassische, ja, ganz ursprüngliche plastische Aufgabe ist, sofort aufgehoben, da  die Struktur ja durchbrochen und die  Gestalt höchst filigran ist. Die Form nimmt  lediglich die Luft auf, die die feine Struktur durchfließt. Je nachdem, wo man steht, aber insbesondere im Herumgehen, bildet das transparente Gerüst immer neue Durchblicke und Formgefüge, was besonders reizvoll im Gegenlicht ist. Dann wiederum mag  man eine organische Form darin sehen, eine Blüte, eine Samen-Kapsel, in der ein gleichmäßiges Wachstum erkennbar ist und das hier in seiner strengen Architektur erfasst wurde. Der Titel „Erstarrt“ verweist darauf, dass etwas in einen anderen Zustand gebracht wurde, in eine Art erstarrtes Wachstum.

Dieses Changieren von Formprinzipien und inhaltlichen Anmutungen, dieses Spiel mit Raum und Licht, zieht uns Betrachter an. Letztlich  sind es Konstruktionslinien, die das plastische Objekt definieren, während wir den  Zwischenraum sowohl optisch als auch mit unseren Gedanken füllen.

Was aber hat es mit dem Material Papier auf sich, das in seiner lebendigen Oberfläche aus der Nähe noch gut erkennbar ist? Reinhard Wessolek verwendet bedrucktes, einfaches Zeitungspapier, von dem der Bildhauer verschmitzt meint, so könne man auf der Figur auch noch etwas lesen. Er recycelt sowohl für seine Bilder als auch für viele seiner Objekte das, was andere wegwerfen und schafft aus dem vergänglichen Material einen unvergänglichen Wert, indem er es in eine Kunstform verwandelt.  Daraus spricht eine Haltung, die durchaus etwas Verspieltes, aber auch Hintergründiges hat. Eine Haltung, die auf Umformung orientiert, statt auf Verschleiß, was an die arte povera erinnert, ohne dass  Reinhard Wessolek dort künstlerisch beheimatet wäre.

Das Papier als  plastisches Material kam wie die  Kunst der Collage mit dem wachsenden massenhaften Angebot an Zeitungen und Zeitschriften  zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Kunst. Nicht nur die gedruckten Bilder fanden das Interesse der Künstler, bald auch das Material, das sich als Pappmaché oder als Kaschierung geradezu zu allem verbauen lässt. Es kann sehr stabil werden und  hat zugleich eine so konsequent „arme“ Anmutung im Gegensatz etwa zu Marmor oder Bronze. Künstlerinnen wie Hannah Höch nutzten es für Collagen, Künstler wie Dubuffet, später Uecker und heute Virnich oder Weizäcker formen daraus dreidimensionale Objekte ganz unterschiedlicher Stilistik. Bedrucktes Papier ist also längst zu einem attraktiven Rohstoff  der Kunst geworden.

Reinhard Wessolek hat das Papier der Gazetten als Bildform und als Material für sich entdeckt. Geradezu obsessiv verarbeitet er zum Beispiel Fotografien, oft aus den billigen Fernsehzeitschriften, zu geklebten Miniaturen, von denen hunderte in transparenten Mappen oder in Hefte eingeklebt seine Regale füllen. Teils werden diese Werkstücke mit Kugelschreiber, Asphaltlack und anderen Materialien überarbeitet, teils bleibt das reine Klebebild als Grundlage für das ausgestellte Werk.

Erst durch die enorme technische Vergrößerung dieser Miniaturen zu einem C-Print entsteht ein besonderer Verfremdungseffekt. Die Druck- Raster der verwendeten Bildmotive dehnen sich aus und ergeben eine malerische Wirkung, die das ursprüngliche Zeitungsbild zurückdrängt. Letztlich verwendet der Künstler das Material aus Zeitschriften wie Farbmaterie. Die durch den Vorgang der Montage und Überarbeitungen erreichte Materialität wird allerdings durch die Umsetzung als C- Print wieder neutralisiert. Es ist ein Spiel mit medialen Metamorphosen und Realitätsebenen.

Während sich Reinhard Wessolek in seinen früheren Arbeiten, von denen hier einige zu sehen sind, der Entschleierung und Demaskierung der Schönheitsdiktatur mit dem Mittel der Verfremdung widmete, lassen seine aktuellen Werke eine ganz andere Dimension erkennen. Schmerz, Deformation, Ekel und Erotik sind widersprüchliche Vorstellungen und Empfindungen, die durch die stark verfremdeten Collagen geweckt werden. Die Fotoausschnitte von nackten Körperteilen, lassen Körper als Fleisch assoziieren. Haut und Haare mit ihren erotischen Konnotationen scheinen als bloße Fragmente heraus. Oberflächen werden zu haptischen Vorstellungen wie schrundig oder weich oder glatt. Wobei die Vergrößerung sich dem sinnlichen Zugriff auch wiederum entzieht.
Diese Werkstücke verweisen auf eine existenzielle Ebene, die durchaus erschüttern, aber auch abstoßen kann. Ebenso wie das einzelne Gesicht, das in einen Verfallsprozess geraten zu sein scheint. Mumienhaft wirkt es beinahe in seiner Brauntönung und Frontalität, wie ein archäologisches Fundstück.

Reinhard Wessolek  war einst an der HBK Meisterschüler bei Emil Cimiotti. Und obwohl das lange her ist und R.W. einen ganz eigenen Weg als Künstler gegangen ist, ahnt man an einigen Stellen in diesen neuen Werken eine ferne Verwandtschaft mit dem Braunschweiger Bildhauer und seinen höchst existenziellen Themen Tod und Vergänglichkeit.