Susanne Hesch - "Nachbilder" - 06.06.2013


Was Goethe in seiner Farbenlehre beschrieben hat, ist ein Nachbild gewesen, in dem sich bei der Blickwendung auf eine helle Wand das Bild der Frau in komplementären Farben einstellte. Rot wurde zu Grün, Weiß zu Schwarz. Mal abgesehen davon, dass das Mädchen ihm offenbar gefiel, und es schon insofern für Goethe einen Reiz darstellte,  wurde das Nach-Bild des Mädchens  im rein optischen Sinne durch die hell erleuchtete Türöffnung hervorgerufen, vor der es sich ihm zeigte.  Als Phantombild wurde es auf die weiße Wand gleichsam projiziert.  Diese Nachbilder kennen wir alle. Hervorgebracht werden  sie von den Rezeptoren der Netzhaut, wenn ein starker optischer Reiz sie erreicht. Diese Bilder verschwinden langsam unter einer sanften Veränderung. Es ist schwer sie zu behalten.

Mit ihrem Titel „Nachbilder“ weist Susanne Hesch  auf diesen Vorgang hin.  Dabei meint sie  indes nicht einfach nur physiologische Nachbilder von Gesehenem, vielmehr greifen ihre Arbeiten eher auf Gedanken, Erinnerungen und  Vorstellungen zurück, die eine emotionale Färbung mitgebracht haben.  Es können auch Nachbilder oder bildhafte Nachklänge  von musikalischen Erlebnissen gemeint sein, worauf gelegentliche kalligrafische Einblendungen hinweisen.  Susanne Hesch umschreibt mit diesem Begriff „Nachbild“ also gleichsam Aspekte des künstlerischen Prozesses, der zu der subtilen und offenen Form ihrer Arbeiten hinführt.

Indem ihre Bilder aus diesem Gestus des langsamen Herausarbeitens innerer Vorstellungen und Gedanken geschaffen sind, geht etwas Ungewisses, Rätselhaftes  von ihnen aus. Sie werfen Fragen auf, sie erzählen aber durchaus auch Geschichten, doch ohne diese sogleich zu offenbaren. Es sind vielmehr Geschichten, die ein Geheimnis haben.

Susanne Heschs Bilder sind Malereien, allerdings Malereien, die aus der Geste des Malens geschaffen sind. Sichtlich lässt die Malerin in ihren Werken den Prozess der Pinselarbeit  gestisch nachempfinden. Selten entstehen glatte Flächen, eher sehen wir geschichtete Pinselstrukturen, dann wiederum Motive, die sich aus der Kontur herausschälen und  schließlich bewegte Linien, die einen ganz eigenen Ausdruck entfalten.

Die Linie spielt eine große Rolle in den Arbeiten. Mal umspielen die Linien  suchend oder klärend die Form, werden Kontur, bald sind sie abstrakte Erzählung auch im Inneren einer Form. Einer Kopfform etwa, wie bei den beiden dunklen Köpfen, die mit ihren Titeln auf ein lyrisches oder musikalisches Erlebnis hinweisen. Gesichter werden nicht definiert, im ungewiss Dunklen eine rote und  eine blaue Spur, die in den Bereich des Halses ausfließen. So wird der Kopf als Denkraum gezeigt, als Raum, in dem Träume ihren Ursprung finden.

Malerei, das ist zunächst Farbe.  Die Farbpalette  von Susanne Hesch ist sehr zurückhaltend. Oft legt sie ihre Bilder in Weiß-Schwarz-Grau und Beigetönen an und  akzentuiert  diese mit wenigen  buntfarbigeren Farbflecken.

LINIE

Die „Vibration im Duktus einer Linie“ bezeichnet der Kunsthistoriker Walter Koschatzky  als „letzte und subtilste Verdichtung“ einer Erzählung. Er betont zugleich, dass in der Linie die seelische Bewegung zu einer „emotionalen Nachvollziehbarkeit“ kommt. (S.270f.)

Gesten, Linien, die den Gedanken folgen, Spuren, die auf einem Papier oder einem Bildgrund hinterlassen werden. Bilder, die ihren Prozess offenbaren.

Diese Vorstellungen werden geweckt durch etwas Schwebendes in der Komposition oder in den Bildelementen. Es ist ein in-der-Schwebe-sein von Bildgegenständen, die nicht fest basiert sind, selbst Blumen, die in einer Vase sind, scheinen dort erst herauszuwachsen und sich sogar aufzulösen, wie im Bild Juni von 2010.

Linie - Kopf

Aber auch etwas Gesehenes – was nimmt Susanne Hesch mit von einer Besichtigung des beeindruckenden aber auch beängstigenden Salzgitterwerkes? Speicherartige Körper.

Bilder als Speicher, Gefäße, - der Malprozess

Bilder als Archive eigener Erinnerungen, sie sind selbst ein Speicher, in dem sich die Gedanken in eine künstlerische Form umgestaltet haben und so ein kultureller Speicher werden.

Was heute die Gehirnforschung erklärt, ist sehr alte Erfahrung und Wissen von Künstlerinnen und Künstlern. Sie sind es gewohnt mit den inneren Erinnerungs- und Gedankenressourcen zu arbeiten.

KÖPFE

Sie stoßen an die Grenze der menschlichen Kommunikation. Was geht in einem Kopf vor? Was sind Gedanken, was Emotionen? Susanne Hesch nähert sich an, umrundet Köpfe mit dem Pinsel, füllt sie innerlich aus nicht mit Gesicht, mit Physiognomie, sondern mit Pinselbewegungen, mit gesten, die etwas suchen, …

die in ihrer Umkehr der Farben dem negativen Nachbild auch äußerlich nahe sind

RESTE

Wir treten in einen Raum ein, in dem etwas geschehen ist. „Reste“ ist der lapidare Titel des auf zwei Bildgründen gemalten Bildes.  Reste wie Reste einer Mahlzeit, eines Festes vielleicht. Die Stille danach, die Einsamkeit, nachdem die Gäste gegangen sind?

Von ober schauen wir auf eine Art Tischplatte, die sich teils vor blauem Grund erstreckt, teils in diesen eingeht oder von ihm überflutet wird. Die Ränder bleiben im Ungefähren.   Es ist wohl ein Blumentopf, der sich kippend in den Vordergrund zu ergießen scheint, daneben ein entgegen der Ansicht von oben aufrecht gestelltes Gefäß, das von einem großen Schatten umgeben ist.drei kleine Früchte in der linken oberen Ecke wie verloren. Dann wie als Stellvertreter einer Tischdecke diese textile Oberfläche, eine art Rupfen, der in das Bild eincollagiert ist Ein roter Fleck darauf zwischen kalligrafischen Lineaturen. Schließlich ein schwarzer Kopf, eine weiße Hand, die an diesen Kopf gehalten ist wie ein Erschrecken. Haben sich Reste eines Gespräches, eines Streites eingeschrieben in diese Tischoberfläche? Ist etwas Gewalttätiges geschehen? Was ist geblieben von dem Gehörten, gesprochenen- ist es mehr als ein leeres Gefäß?

Ein Tisch, auf dem aufgedeckt wird. Vorbereitungen. Ein anderer auf dem noch die Reste einer Mahlzeit, eines Zusammenkommens sichtbar sind. Und schließlich ein Tier, das befremdlich mit seinen Tentakeln einen Tisch berührt, auf dem es aufgestellt oder gar ausgestellt wird. Wie eingesperrt erscheint es in ein künstliches Rechteck gezwängt, aus dem nur diese Tentakel sich herausfingern .  Sehen wir hier das Tier, wie es der Mensch sich zurechtmacht? Als Speise appetitlich seiner ursprünglichen Form entledigt oder als Objekt der Wissenschaft schön seziert und nunmehr seelenlos? Das alles bleibt offen.  Aber der Gegensatz einer organischen Struktur im oberen Teil des Hochformats, aus differenzierten Formen gefügt und  gemalt, und eines nur als unstrukturierte Fläche aufgefassten Tisches lässt solche Gedanken zu.