Ina Otto - 28.01.2013


Ja, überhaupt, dieses feine, kleine Atelier mit Laden am Braunschweiger Altewiekring, wo Ina Otto inzwischen angekommen ist! Da stehen sie alle zusammen, die stolzen und kühnen Frauen mit ihren Kappen oder Mützen und ihren erhobenen Köpfen, mit den agilen Gesten und wachen Augen. Als Büsten sind sie sehr präsent zwischen den Kleinplastiken, den sinnlichen Akten auf Stier oder Pferd, oder einem molligen Weib, bekleidet nur mit Hut und Schuhen, das sich selbstgenüsslich neben anderen ihres Geschlechts rekelt.  Einmal auch sieht man eine Nackte, Rücken an Rücken mit einem ebenso unbekleideten Mann – dieses Paar  - mit dem Titel: Dick und Dünn - ist auch hier in der Ausstellung anwesend. Ja, Paare finden sich auch im Werk von Ina Otto. Doch sind die Frauen - ganz emanzipiert und selbstbewusst oder  auch mal selbstverliebt - deutlich in der Überzahl!

Dazwischen wunderbare Schalen, Schälchen und Schüsseln- keine Normform, nicht klassische Gefäßkeramik, eher aus der plastischen Form, dem Experiment hervorgegangen, eher Kunstwerk als Kunsthandwerk – aber doch ebenso als Vase oder Gefäß die Zierde eines Tisches. Sehr individuell auch durch die meist zurückhaltenden Muster und schlichten Glasuren, die die Form unterstützen.

Oder die Buchobjekte sowie die kalligrafisch bearbeiteten Formen, Schriftrollen oder plastischen Körper. Angefüllt mit rätselhaften Schriftzeichen, geheimnisvollen Mustern, kalligraphischen Einritzungen und rückwärts geschriebenen Ziffern und Zeichen, sowie fragmentarischen Zeichnungen seltsamer Tiere, regen sie unsere Phantasie an. Manche der Muster lassen an mittelalterliche Zahlenmystik oder magische Zeichen ferner Kulturen denken. Die Spiegelverkehrtheit der in die Glasur eingeritzten Lineaturen, Textfragmente, Ziffern und Formen deutet auf Abdrücke, wie wir sie von erd- oder kulturgeschichtlichen Fundstücken kennen.

Wie tanzend erscheinen Ina Ottos Stelen oder plastischen Objekte (wie die hier ausgestellte „Flamme“), die in ihrem scheinbaren Bewegungsdrang an Architekturen von Frank Gehry erinnern. Manche scheinen von erdigem Ton in eine geformte Gestalt aufzusteigen - ja herauszuwachsen. Andere haben in ihren Drehungen von geometrischen Körpern her wirklich etwas von einer rasant verformten Architektur. Dem Prinzip des organischen oder strukturellen Wachstums überlagert die Künstlerin oft geometrische Muster, sodass sich die Idee des Organischen mit dem Kulturellen, Geformten verbindet. Eine Art Kultivierung des Ursprünglichen oder eine tänzerisch spielerische Bewegung zum Besseren hin, etwas Harlekineskes geht von  diesen Objekten aus. Dazu das Spiel mit den abschließenden Elementen, wie bei Flamme einer Art Hut, der dem Objekt etwas Physiognomisches gibt.

Es ist das Wunderbare am Material Ton, dass es die Fähigkeit besitzt, in einem geradezu archaischen Prozess in etwas vollkommen anderes verwandelt zu werden, in eine Figur, in ein Tier, ein Gefäß. Dazu gehören die Möglichkeiten, die Oberfläche zu bearbeiteten. Oberflächen, die anders als etwa Bronze oder Stein, Wärme ausstrahlen und die in uns den Wunsch aufkommen lassen, sie zu berühren. Ina Otto fasst in ihrer erzählerischen Haltung ihre Figuren mit Farbe. Sie geht dabei wie eine Malerin vor, erprobt die Möglichkeiten des Materials, vermischt und kombiniert Engoben, Glasuren, Oxyde, scheut auch nicht vor mehreren Brennvorgängen zurück.

So betont sie das Fleischliche der kleinen Akte, das Glatte der gebauten Stelen, das Duffe und matt Leuchtende der Frauenbüsten und gibt ihnen durch Malerei ein Gesicht. Während die Büsten, oft fein in der Oberfläche, eine zarte, feste Haut suggerieren, die Damen meist schmal oder doch immerhin schlank sind, so feiern die kleinen Akte die körperliche Lust des nicht immer perfekten Bodymaßes und der belebten Haut, zeigen ungeniert ihre runden Schenkel, ihre spitzen oder fülligen Brüste und runden Bäuche. Dabei verzichtet die Künstlerin auf einen lieblichen Haut-Ton, geht eher ins Gelbliche, hell Ockerfarbene, manchmal fast Weiße.

Bei „Zwei im Boot“ wird eine ganz ursprüngliche Wirkung erzielt, indem der rote Ton mit Oxyd eingerieben wurde. Schauen Sie einmal, was die beiden Figuren, genauer: das Paar das da in einem Boot sitzt, für Verhaltensweisen an den Tag legt: in einem Boot sitzend, nicht vor und zurückkommend, sich gegenseitig bremsend. Wer kennt dieses Gefühl nicht, für das Ina Otto hier eine herrliche Form gefunden hat?

Es macht Ina Otto offenbar Freude, das Material auszureizen, ihm Bewegungen, Formen und Gestalt abzugewinnen und dabei immer die Farbe einzubeziehen. Diesem Interesse an der Farbe mögen auch die Gemälde entspringen. Ihre Landschaftsgemälde sind von einer starken und reduzierten Farbigkeit geprägt, zugleich abstrahiert und gebaut. Dahinter steckt sicher die gelernte Plastikerin, ebenso wie bei den Aktbildern, in denen die Figur ihr  Gebaut-Sein nicht verleugnen kann. In den Aktbildern entstehen kommunikative Räume, wie ich sie auch zwischen den Figuren von Ina Otto in ihrem Atelier oder im Kontakt mit dem Betrachter wahrnehme.

Nur ein  kleiner Ausschnitt dieser Fülle ist jetzt in dieser Galerie zu sehen und ermuntert uns zu eigenen Gedanken, zum Betrachten natürlich, vielleicht manchmal zum Lachen, unbedingt zum Erfassen des Hintergründigen. Eigentlich möchten wir mit diesen Objekte in Kontakt treten, sie vielleicht sogar berühren - doch letzteres bitte erst, wenn man eines erworben hat.

Da ist zum Beispiel diese junge Frau, eine Büste, die so keck und selbstbewusst erscheint mit ihrem kleinen Hemd auf ihrer Energie ausstrahlenden Figur. Aber warum hat sie die Augen verbunden, wohin führt uns ihre Geste? Und diese Stacheln, die aus dem Kopf sprießen, vielleicht eine extravagante Frisur, ein bisschen schicker Punk? „Blind Date“ hat Ina Otto diese Figur genannt. Mag sie für die vielen interessanten jungen Frauen stehen, die zwar ihr Leben bewältigen und doch auf der Suche sind? Nach einem Partner, vielleicht auch nach einem Lebensthema, nach der richtigen Entscheidung oder einfach nach Sinn? Die Geste kann Abwehr sein, aber eine solche, die bereit wäre, in Berührung überzugehen, wenn, ja wenn...Es ist  eine der vielen Frauenfiguren, die sich aus dem Atelier von Ina Otto nach Halle aufgemacht haben.

So auch die Dame in Blau (Einladungskarte). Ja, diese ist eher eine Dame, oder erscheint zumindest so - eine, die sich inszeniert, einen Zug von Vornehmheit in ihrer ausgefallenen Kleidung zeigt. Doch überraschend endet ihr flotter Hut in einem Rattenschwanz, der zu dem Tier auf ihrer Schulter gehört. Hups, haben das nicht die Punker getragen und sich mit Ratten in Szene gesetzt?  Ist da eine Punkerin in die Jahre gekommen und hat sich weiter mit den Ratten verbündet? Oder hat es etwas mit ihrem Blick zu tun, der leicht blasiert, vielleicht auch lauernd, auch durchaus melancholisch ist? Ist die Ratte ihr Alter Ego? Der Titel lautet „suspect“, ein vieldeutiges Wort, das jedenfalls auf etwas Zweifelhaftes, Verdächtiges hindeutet. Aber ist es die Person selbst, die suspekt ist oder ist es vielleicht eher das Publikum, das ihr mit Vorurteilen begegnet?

„Kaffeklatsch“ weckt Erinnerungen an die emanzipierte Frau der 20er Jahre und belegt erneut den experimentellen Zugang von Ina Otto. Denn hier hält die – bis auf den markanten Hut - lässig Gekleidete eine feine, aber vor allem eine reale Tasse mit Untertasse in den Händen.

Die Aktfiguren sitzen selbstbewusst da, präsentieren sich oder scheinen unbeobachtet bei sich zu sein. Man beachte hier die besonderen Sockel!

Die Europa auf dem Stier bezieht sich auf einen Mythos. Angespannt liegt sie rothaarig, nackt und bäuchlings auf dem Stier, sich an seinen Hörnern festhaltend. Der Stier wiederum trägt um seinen Bauch eine seltsame Bordüre, die mit rätselhaften, wohl spiegelverkehrten Schriftzeichen versehen ist. Man denkt an Vertragswerke oder vergessene Erzählungen. Ein bisschen herb ist sie schon, die Europa, nicht mehr so jung und knackig wie einst, als sie von Zeus begehrt, gestohlen und genommen wurde. Jetzt zehrt vielleicht schon die Krise an ihr? Sie will nach Hause, sagt uns der Titel – doch wohl nicht nach Griechenland?

Da messen sich Mann und Frau auf einem Hocker eng aneinander gedrängt, aber Rücken an Rücken. Das passt schon alles wunderbar – aber sähe es so auch  Bauch an Bauch aus? Hintersinn und Heiterkeit vermitteln diese Figuren, wie sie da auf dem kleinen Hocker ihrer gemeinsamen Geschichte  posieren. Der Titel "Dick und Dünn" kann ebenso das unterschiedliche Äußere meinen, wie das Gemeinsame – eben durch Dick und Dünn gehen bis man fast eins ist. Wenn auch bloß noch Rücken an Rücken.

Die lebenszugewandte, hintergründige, oft humorvolle Haltung von Ina Ottos keramischer Plastik hat eine lange Tradition, die es in vielen Kulturen gibt. Das Material, die relativ kleine Form drängt eher zum Erzählerischen und zuweilen Vergnüglichen. Dabei hat Ina Otto allerdings eine ganz eigene Sprache gefunden, die sich zudem auf unsere Gegenwart bezieht, wodurch jede Figur, die wir unserem Umfeld anvertrauen, mit unserem Leben in Kontakt treten kann.

Dabei wünsche ich Ihnen viel Freude!