Kerstin Schulz - BBK - 24.01.2013


Die Metamorphosen banaler Dinge in wiederum Bilder anderer mehr oder weniger banaler Dinge  wecken unsere SCHAULUST, da es der Künstlerin gelingt, ihnen einen besonderen ästhetischen und poetischen Reiz zu geben. Die billigen Etiketten werden zu einer changierenden Oberfläche,  dichte Schichtungen faszinieren durch gratige Strukturen oder offene,  schillernde Oberflächen. Zugleich  gewinnt die Künstlerin unsere MITMACHLUST, denn  sie möchte nicht nur die einsam Schaffende sein. Daher lässt Kerstin Schulz andere an von ihr initiierten sogenannten Schwarmkunstprojekten mitwirken. Allein ein Begriff, der schon neugierig macht! Indem – wie 2011 in Braunschweig in der Michaeliskirche – gleich Schwärme von Menschen ins ratternde  Tack- Tack- Tack-Fieber des Etikettenklebens geraten,  gleichsam partizipatorisch mitwirkend, demokratisieren sie  die Kunst und leben gemeinsam mit der Künstlerin das Beuyssche Prinzip,  jeder Mensch sei ein Künstler, beispielhaft aus.

Auch das Haptische kommt nicht zu kurz in den Objekten, in denen uns geläufiges Alltags-Material in ungeahnten Formerfindungen und Strukturen entgegentritt, entgegenfließt, entgegenpikst und entgegenknäult. Wie das geschieht, wird durchaus nicht dem Zufall überlassen, wenn dieser auch zuweilen mitspielt. Stattdessen schafft die Künstlerin ihre Konstruktionen mit Bedacht und einem von Experimentierfreude geleiteten ästhetischen Konzept.

Alles geschieht scheinbar spielerisch und mit viel Humor, hinter dem bekanntlich immer ein ernstes Thema verborgen ist. Aus Farbtube, Bleistift oder Etikette wird etwas Unerwartetes geschaffen. Doch das ursprüngliche Ding verschwindet nicht vollends. Das Neuentstandene bedient sich seiner ursprünglichen Bedeutung und seiner Symbolik, lässt sie als Frage mal direkt, mal indirekt hindurchscheinen. Die Klebeetikette   verweist weiterhin  auf das Kaufen und die Käuflichkeit, Bleistift und Farbtube bleiben das Werkzeug der Künstlerin als Arbeits- und Kommunikationsmittel, nur nicht so wie es uns geläufig ist. Erst aus der Doppelbedeutung von ursprünglicher Nutzung und neuer Sinnhaftigkeit entsteht neben dem visuell-ästhetischen, oft auch haptischen Reiz, die Vielschichtigkeit der Werke.

Zugleich hat diese Kunst etwas Subversives, indem sie die in unserer bunten Konsumwelt so schön geregelte Kosten-Nutzen-Rechnung auf den Kopf stellt. Sie bringt das sauber sortierte Regal  unserer bunten Warenwelt durcheinander, damit wir einen anderen Blick  auf die Dinge und ihren Wert bekommen.

In dieser Ausstellung sind es vor allem die klassischen Werkzeuge und Materialien der Künstlerinnen und Künstler, der Bleistift und die Farbtube, die Kerstin Schulz ihrer Welt der Objekte und Raummetamorphosen anverwandelt. Und auch das ist kein Zufall, denn das Thema Kunst und die Frage „Was ist Kunst wert“ scheint durch das Werk von Kerstin Schulz beständig hindurch.

Dazu befragt sie die Dinge darauf, was man noch so alles mit ihnen machen kann, wozu sie noch nutze sind, wenn man sie zunächst im ursprünglichen Sinne unnütz macht. Ein genuin kreativer und mithin künstlerischer Prozess beginnt, in dem durch ästhetische Aneignung eine Neudefinition entsteht. Ein Bleistift ist nun nicht mehr Werkzeug sondern Material, Tubenfarben sind nicht mehr zu vermalendes Material, sondern sie werden direkt zur gestalteten Form, zum bizarren dreidimensionalen Objekt, ja zu einer Unzahl von Objekterfindungen umgeformt.

Wohl kaum ein Werkzeug ist so universell wie der BLEISTIFT. Jeder hat ihn, jeder kann ihn benutzen und beherrschen, ja,  sich leisten. Der Bleistift  widersteht dem digitalen Zeitalter in seiner fantastischen Unmittelbarkeit und unterläuft die Machtansprüche, die  andere, kompliziertere Werkzeuge dem Menschen gegenüber beinhalten. Der Bleistift muss nicht repariert und gepflegt werden. Seine Benutzung bedarf keiner Grundkenntnisse. Drum ist der Bleistift an sich schon demokratisch. Mit dem Bleistift kann man kritzeln, schreiben, zeichnen, man kann ihn als Kind ebenso benutzen wie als Künstler. Man kann aus ihm aber auch eine Wand, eine Werkzeugkiste, einen Mülleimer, einen Kopf oder einen Teppich formen – oder genauer gesagt: ein Bild von diesen Dingen, wie Kerstin Schulz dies tut. Wir Betrachter erkennen das Objekt, erfreuen uns an der Sinnlichkeit und Präzision und sehen doch auch die Bleistifte als Form, die oft wie etwas Igeliges, durchaus auch mal als aggressives „Fass-mich- nicht- an“ erscheinen, womit auch unsere Sinne angesprochen werden.  Die Elemente sind in ihrer neuen Form zu Kunst geronnen  und geben uns Anlass über den Prozess und das Sein von Kunst zu philosophieren, z.B. darüber, wieso der Bleistift, mit dem man sonst Kunst macht, jetzt selbst Kunst wird.

Welche Form hat eigentlich eine bestimmte Farbe? Kerstin Schulz untersucht TUBENFARBEN in ihrer materiellen Gestalt. Die Zähigkeit eines Farbstrangs aus Ölfarbe macht ihn zu einer unendlichen Farbwurst, einem dicken Farbfaden, zur Locke, zur Flut, woraus sich neue Formen bilden lassen, gewebte, getropfte, geschlungene, geknäulte. Das wuchert, wächst, fließt und quillt. Aber doch geordnet in kleinen Tableaus, die also Bildform haben. Als gleichsam eingefrorene Bewegung wird eine Kaskade ausgedrückter Farbe zum blutroten Wasserfall, zu Sprossen und zum gewebten Ölacker. Doppeldeutige Titel führen uns aufs Glatteis oder geben uns Hinweise zur vielfachen Deutung.

Man mag, wenn man nach künstlerischen Verwandten sucht,  vielleicht an die Nagelbilder von Günter Uecker denken oder an Jan Fabre, der mit glänzendne Käfern arbeitet. Gewachsen ist  diese Kunst des poetischen Spiels aber wohl eher in der Folge der hintergründigen Objekte einer Meret Oppenheim, oder vielleicht auch aus den Material-Konstruktionen von Schwitters und den Aktionen der dada-Künstler.

Was immer Kerstin Schulz macht, macht sie mit vielem Gleichen, mit einer Masse. Sie nennt es „Materialstress“, von „Farbrausch“ und „Farbrauschen“ oder „Farbschwall“ ist die Rede. Ein Spiel, in einer Welt von Überfluss und Überflüssigem anzuhalten und zu schauen. Das Werk lädt den Betrachter ein, neu zu schauen, den Gegenstand anders zu sehen als bisher, den Deutungen der Künstlerin folgend oder eigene Wege findend.

Um massenhaftes geht es auch in der Schwarmkunst

Dieser poetische Etikettenschwindel schafft im Schwarm Schichten von farbigem Material, das sich zunächst wie eine flirrende Oberfläche über alles legt. Diese neue Schicht, die uns anspricht, reizt, uns erfreut, wie die „alles muss raus“-Verkäufe den Kunden anziehen, ist eine reizvoll verpackte Botschaft mit Hintersinn.

Denn der ganze Spaß ist wie eine rebellische Reaktion darauf, wie schnell der Gebrauchswert auch der Kunst im Tauschwert, ja letztlich im Spekulationswert endet. „Das Kunstwerk ist eine Markenware geworden, deren Wert zunehmend in monetären Kategorien definiert wird.“ Schreibt Piroschka Dossi, Verfasserin des Buches „Hype- Kunst und Geld“. Gerade den Künstlern ist es in der Regel nicht gleich, wo ihre Kunst landet, ob sie wahrgenommen wird oder nicht. Kunst soll ihren interessierten Betrachter finden, sie muss aber auch ihren Besitzer finden, damit die Künstler leben können. Doch die Einheit von Besitz und Betrachtung hat sich längst im Sog des Kunstmarktes aufgelöst. Absurde Preise von gehypten Künstlern stehen der wachsenden Armut der Mehrheit der Künstlerinnen und Künstler gegenüber.  Es ist wie überall in unserer Gesellschaft.

Das Privileg der Künstler ist es, immer wieder das Vorhandene zu hinterfragen, zu unterlaufen und zu stören, selbst wenn sie sich dem nicht ganz entziehen können und  - paradox – ihre Kritik wieder in den Markt einschleusen müssen. Weil alles vom Ökonomischen vereinnahmt wird, wagen sich zunehmend Künstler auf dieses Terrain und thematisieren diesen Zeitgeist. So auch Kerstin Schulz. Sie greift ein akutes Thema auf und unterläuft das Muster, das alles aufsaugen will.

Die Abwertung des Gebrauchswerts, die Trivialisierung noch der größten Transzendenz in reinen Geldwert oder Investment drückt sich hier in den billigen Etiketten aus. Selbst die Mona-Lisa, van Gogh und Picasso sind nur noch bloßes Preisangebot, zeigt uns die Künstlerin in ihren Etiketten-Nachbildern der Bilder mit Höchstbewertung.

„Das Ziel der Wirtschaft bleibt Profit, das der Kunst – im günstigsten Falle – eine Vertiefung der Daseinserfahrung.“ so Piroschka Dossi. Ad Reinhardt fand dazu den schönen Satz: „Kunst ist Kunst, alles andere ist alles andere.“

Das können sie selbst erfahren. In dieser Ausstellung auch beim Mitmachen. An festen Terminen in der oberen Etage des BBK-Torhauses kann nach Lust und Laune tack, tack, tack ausgepreist werden.