Wolfgang Spittler - 28.08.2011


Schon in der Schulzeit hatte Wolfgang Spittler mit Intensität gezeichnet: seine Familie, die Geschwister und Schulkameraden, Menschen um ihn herum. Zeichnen  lernt er als eine Form nutzen, die Welt in Besitz zu nehmen, sie zu verstehen, sich in sie einzufühlen. Es sind vor allem Menschen, die den jungen Zeichner interessieren. Erst später kommen Landschaften und komplexe Bildthemen hinzu. In jedem Fall ist es die angeschaute und erlebte Wirklichkeit, mit der er sich auseinandersetzt. Doch auch die überlieferte Kunst wird schon früh zur Quelle seiner Inspiration. Er bekommt erste Kunstbücher geschenkt und zeichnet nach Bildern von Holbein und Michelangelo. Das ist ein Teil seiner praktischen und zugleich geistigen Schulung.

Während der Gefangenschaft, in die er noch als junger Mensch für kurze Zeit geriet,
trug er eine Postkarte von Leonardos „Dame mit dem Hermelin“ bei sich, die übrigens derzeit als Leihgabe aus Polen in Berlin zu sehen ist. Ihre Beseeltheit und ihre rätselhaften Wendung aus den Bild, den das Pelztier mit vollzieht, macht die junge Frau besonders geheimnisvoll. Selbstbewusst, stolz und dabei von so zurückhaltender Zartheit  hat die „Dame mit dem Hermelin“ dem im Werden befindlichen Künstler Wolfgang Spittler vielleicht etwas mitgegeben, das er später in seinen Frauenbildnissen aufgreifen wird.

Großer Ernst spricht aus Spittlers  frühen Arbeiten, scharfe Beobachtungsgabe und feines Empfinden. Dies zeigen schon die frühen Porträts aus der Gefangenschaft, von denen einige im Eingangsbereich der Ausstellung zu sehen sind.

Spittler studierte freie Kunst und Kunsterziehung in Braunschweig und Hamburg. Das Studium in Braunschweig eröffnete ihm den ersten Zugang zur klassischen Moderne und den figurativ-expressiven Strömungen der Nachkriegszeit. Beckmann,  Picasso und Chagall beeindruckten den Studenten ebenso wie van Gogh. In Hamburg begegnete er dann vor allem in der Druckgrafik dem Expressionismus.
 
Diese Einflüsse blieben nicht ohne Folgen auf den jungen Künstler. Während die Zeichnungen der Vierzigerjahre noch ganz auf naturgetreue Abbildung orientiert sind,  kann man bereits in den frühen fünfziger Jahren eine Tendenz zur Abstraktion und zu einer grafisch verknappten Linienführung in der Zeichnung erkennen.
Er ringt nun in seinen Arbeiten um einen eigenen Ausdruck, indem er Abstraktion und Expression verknüpft, wobei er niemals den Bezug zur geschauten Wirklichkeit verlieren wird. Die Bildmotive sind meist dem Lebensalltag und direkten Umfeld entnommen –  Bilder der Familie, der Freunde, der Musiker oder der Landschaften der eigenen Umgebung und Erfahrung. Zunächst von unmittelbarer Sinnlichkeit, schaffen die Bilder übergeordneten Sinn und werden in der Art, wie sie über das Abbildliche hinausgehen, zu  Metaphern des menschlichen Lebens.

Das Werk von Wolfgang Spittler, wie Sie es hier sehen können, ist aufgespannt zwischen Leichtigkeit und Schwere, sinnlicher Heiterkeit und gedanklicher Tiefe. Letztlich ist es dem Drama des Lebens in seinen Facetten gewidmet, das  der Künstler in alle Motive hineinzulegen versteht, als sei es die Bewegung des Lebens selbst, die seine Bilder durchwirkt. Durchaus streng komponiert wird die Form aus teils heftigen, teils schwingenden Linien gebildet, dem besonderen Duktus des Künstlers, der ihr damit Ausdruck verleiht.

Für das Drama des Lebens benötigt Wolfgang Spittler nicht unbedingt die große Form. Selbst in den kleinformatigen Landschaftsgemälden findet es statt. Man kann es vielleicht eine anthropomorphe Sichtweise nennen, in der selbst die Bäume zu ganz eigenen Charakteren werden, die miteinander in Kommunikation treten. Ebenso wie die Musiker, hinter deren Zusammenspiel das Spiel der Beziehungen und gegenseitigen Gefühle aufgedeckt wird. Da gibt es Erregung, Eifersucht und menschliche Spannungen. Dies alles kann man nicht nur den fein komponierten Beziehungen zwischen den Figuren, sondern vor allem dem besonderen Arrangement der Formen und Bewegungslinien ablesen. Hinzu kommt die sicher und scheinbar leicht gesetzte Farbe, die wie die zweite Stimme die Melodie der Formen unterstützt.

Das früheste hier gezeigte Gemälde ist das Porträt seiner Schwester, das bereits aus einer koloristischen Auffassung heraus gemalt ist. Allein  der Farbklang und der freie Umgang mit der Farbe lassen eine dichte Atmosphäre entstehen. Frei ist auch die Raumkonstruktion. Die starke Aufsicht ermöglicht den Blick auf den Tisch ebenso, wie auf die konzentrierte Tätigkeit des jungen Mädchens und lenkt somit den Blick des Betrachters auf das gesamte Geschehen. Allerdings so, als halte er sich ein wenig entfernt, so als wolle er das Kind bei seinem intensiven Spiel nicht stören.

Eine Haltung des Künstlers zu seinem Objekt, die uns auch in vielen weiteren Frauenbildnissen begegnet, denen im Werk von Wolfgang Spittler eine besondere Bedeutung zukommt. In ihren selbstbezogenen und lässigen Gesten wirken die Frauen gelöst und authentisch. Locker haben sie auf einem Stuhl Platz genommen oder sich voll unbändiger Freude ins Gras geworfen. Zwei junge Geigerinnen, die in einer Berglandschaft ganz dem gemeinschaftlichen Musizieren hingegeben sind,  wurden von den schwingenden Linien des Künstlers so eingefangen, dass man meint, die Töne ihres Geigenspiels zu hören.

Die Triptychen  bilden gewissermaßen das Zentrum der Ausstellung, in der sie erstmals einen angemessenen Rahmen gefunden haben. Schon vom Bildtypus her verlangt das Triptychon ein großes Thema. In ihnen macht der Künstler sichtbar und erfahrbar, wie das scheinbar Private in den Fluss des Gesellschaftlichen gerät. Ein Strand wird zur Bühne, auf der das Leben sein eigenes Schauspiel aufführt.

In  „Strandleben“ von 1986 erblickt man eine familiäre Szene. Gemeinsam mit der Mutter bauen die beiden Söhne und die Tochter eine Hütte aus Strandgut und Binsen. Das Bild strahlt Energie und heitere Lebensfreude aus. Zugleich vollzieht sich der Kampf mit den Elementen, wie man ihn an der See erleben kann. Der Wind zaust an Hütte und Figuren. Spitz spreizt die Sonne ihre gelbgrünen Strahlen von der linken Tafel ausgehend über das gesamte Bildfeld. Brüchige Hölzer im kontrastierenden Blauviolett bilden den Halt für die filigrane Behausung.
Sucht der kleine Junge noch die Berührung und den Schutz der Mutter, so bewegen sich die beiden großen Kinder schon im eigenen Raum rechts und links vom mütterlichen Zentrum entfernt. Die kompositorische Dynamik bildet sich in einem spannungsvollen Hin und Fort um die madonnenähnlich vom Halbrund des Flechtwerks umrahmte  Figur der Mutter. Das gemeinschaftliche Gebäude, das gerade entsteht, strebt dadurch auseinander. Ein Familienbild, das die große Form des Triptychons nutzend somit viel mehr wird als eine bloße Urlaubserinnerung.

Bezeichnend ist der Titel „1989/(1990)“  für ein weiteres Strandtriptychon. Da greift die Weltgeschichte der sich abzeichnenden deutschen Einheit fast direkt in das Strandleben ein. Ungewissheit, Hoffnung, Katastrophenfurcht durchdringen sich. Der Wächter mit roter Fahne bläst ins Horn und warnt vor einer Sturmflut, in der sich größere Katastrophen anzukündigen scheinen. Im Mittelteil ein verdüsterter Strand, wo mit Fetzen zerknitterter Zeitungen die Weltgeschichte hereinweht. Unbekleidet, verletzlich hat sich ein Paar ins offene Strandhaus zurückgezogen, ein anderer gräbt eine Grube – für welchen Teil der Geschichte? Diese historische Zäsur hat der Künstler zweifelnd kommentiert. Kein brausendes Deutschlandlied kommt auf, eher ein skeptisches Fragen, was nun kommen wird. Die Dominanz giftiger Gelb-Grün-Töne kontrastierend mit Rosa und Schwarz unterstreicht die befremdlich- bedrohliche Stimmung. Die Form des Triptychons und die Gestaltung der stark konturierten Figuren mag von Beckmann angeregt sein, manche Figuren scheinen fast wie Zitate aus dessen Werk.

Die  skeptische und fragende Haltung zu sich und der Welt findet sich auch in vielen der Selbstbildnisse des Künstlers, die dadurch eher den Charakter von Selbstreflexionen bekommen. Oft zeigt er sich zwischen mehreren Ebenen in Rahmen, Spiegeln, Leinwänden gefangen oder im Rechteck des Bildes eingespannt in unbequemer Sitzhaltung zeichnend. In seinen Selbstbildnissen ist er Suchender und Sehender zugleich.

Das Doppelbildnis von Künstler und Modell, das Sie im Eingangsbereich und auf der Karte begrüßt hat, ist geradezu programmatisch. Hier  scheint ein Motiv aus der Kunstgeschichte auf: „Der heilige Lukas malt die Madonna“ – eine frühe Form der Künstlerselbstdarstellung, die vor allem durch Rogier van der Weydens Gemälde  um 1440  bekannt wurde. Die Madonna ist im Atelierraum des Künstlers tatsächlich und sinnlich präsent, als habe der Künstler sie dorthin bestellt. Diese Szene ist dadurch zwischen Realität und Transzendenz angesiedelt und offenbart das erwachende Selbstbewusstsein der Künstler im 15. Jahrhundert.
Die Transformation, die Wolfgang Spittler vornimmt, stellt die Wahrnehmung und Inspirationsquellen des Künstlers ins Zentrum. Da ist das Modell, da sind die Utensilien des Malers, Leinwand, Pinsel, Farbe. Und dann kommt das Sehen, denn der Künstler betrachtet mit übergroßer Brille vor der Leinwand stehend sich selbst und das gesamte Interieur in einem imaginären Spiegel. Die Außenwelt ist durch das Fenster mehr zu ahnen als zu sehen. Der immanente Blick auf die Kunstgeschichte kommt hinzu und so gibt uns Wolfgang Spittler hier ein komplexes Gleichnis der künstlerischen Arbeit, gleichsam eine Allegorie der Malerei.

Die Ausstellung bietet sinnliche Erfahrung und metaphorisches Denken, Bezüge zur Kunstgeschichte und wunderbare Malerei. Der Künstler zeigt seine Sicht auf die Welt in der ihm eigenen skeptischen und zugleich lebensvollen Zugewandtheit. Dieser Künstler ist hier und ich möchte ihm und der Stadt Salzgitter zu der gelungenen Ausstellung gratulieren.