Malte Sartorius - 13.09.2008


Zwar lässt Malte Sartorius sich von den Dingen, die er findet, ansprechen und herausfordern, sie lösen sein hoch konzentriertes und kontemplatives Zeichnen erst aus, aber die ungeheure Nähe, die er mit der Zeichnung zu ihnen herstellt, ist nicht analytisch, sie geht nicht den Geschichten der Objekte nach. Vielmehr ist es ihr unmittelbares Da-Sein, das Anlass genug bietet für den Beginn seiner Arbeit. In einem intensiven Arbeitsprozess wird dann eine neue Sinngebung geschaffen, die auf der unmittelbaren Existenz des Dargestellten und der besonderen Inszenierung in einem Stillleben beruht.

In immer neuen Varianten hat der Künstler die Objekte aus dem kleinen Fundus aufgestapelt, gruppiert und in eine Bildfläche hineinkomponiert, in der sie meist als ganze Platz finden. Malte Sartorius arbeitet kaum mit Aus- und Anschnitten. Obwohl er die Fotografie auf dem Weg zur Zeichnung einsetzt, verzichtet er auf derart fototypische Mittel und somit auch auf das Momenthafte, das der fotografischen Sicht eigentlich innewohnt. Dadurch ist die Komposition meist geschlossen und bis auf den Grund, auf dem die Gegenstände Platz finden ganz auf das Bildfeld konzentriert. Die Frontalität der Objekte und die Ausgewogenheit von Horizontalen und Vertikalen vermitteln eine Idee von Stille, Harmonie und Dauer. Zugleich gibt Malte Sartorius den Dingen einen Bühnenauftritt bei unterschiedlicher Beleuchtung, schafft um sie herum eine vibrierende Atmosphäre. Dabei bekommen die einzelnen Objekte etwas wie Physiognomie und Persönlichkeit und werden - herausgenommen aus ihrer banalen Existenz - zu einem außerordentlichen Ereignis ohne vordergründige Dramatik. Spannung entsteht vor allem aus der in den verschiedenen grafischen Blättern variierte Verteilung des Hell-Dunkel, das uns eine Augenreise durch wechselnde Stimmungen ermöglicht.

Ein gerastertes Lochblech verwandelt sich unter den Händen von Malte Sartorius in ein variables Spiel von Licht und Schatten, Durchleuchten und Verbergen, Rhythmus und Unendlichkeit. Das Lochblech, ein an sich gleichförmiger Gegenstand muss den Künstler besonders gereizt haben, es bildet in vielen der Stillleben die Abgrenzung hinter den Objekten, verstellt den Tiefenraum oder öffnet ihn in einem transparenten Durchblick. Der Wechsel aus geschlossener Fläche und offenem Lochmuster gibt ihm eine beinahe impressionistisch wirkende Punktstruktur, die sensibel auf unterschiedliche Lichtverhältnisse und Hintergründe reagiert, sodass die dahinter liegenden Elemente wie verschleiert erscheinen. Dies ist etwas, das wir in der Realität normalerweise kaum wahrnehmen. Malte Sartorius führt es uns vor Augen, wie schön und poetisch ein einfaches Lochblech sein kann.

Krustige Korrosionsspuren, Krater und Kerben, die die Zeit auf den Objekten hinterlassen hat, alles verwandelt der Zeichner in seine besondere Sprache, die dem Bleistift, der Radiernadel eine ungeheure Vielfalt an Nuancen und  Formen entlockt.
Im Gegenlicht schiebt sich der lichte Hintergrund ins bild, die Formen verwandeln sich in dunkle Flächen, die sich mit ihren Lichträndern aufzulösen scheinen.
Plastizität entsteht durch den Wechsel der Schraffuren, durch Besetzen des Blattweiß mit dem Motiv Licht.
Küchenhandtuch, dessen klassisches Karo sich in den Knicken farblich umkehrt, bald aufgehellt wird bald im Schatten verschwindet.

In idealtypischer Weise führen die Arbeiten von Malte Sartorius vor, dass ein Bild etwas zur Anschauung bringt, was es selbst nicht ist, wie der Philosoph Reinhard Brandt es ausdrückt (Reinhard Brandt, Die Wirklichkeit des Bildes). Noch in der Betrachtung dieser akribischen Zeichnungen können wir das Zeichnen als Schöpfungsprozess nacherleben. In der Schwebe zwischen Dingsein und Zeichnungsein erstehen die Elemente beinahe konturenlos gleichsam vor unseren Augen. Aus den meist weichen Lineaturen, Schraffuren und Nuancen der Bleistiftspur formen sich Gebilde, die gleichermaßen Gegenstand und Form sind, fein komponiert im Wechsel von rund und gerade, weich und hart, geschlossen und offen, als vibrierende Spannung von Objekt und Zwischenraum.

Wer sich mit dem Werk von Malte Sartorius befasst, muss beeindruckt sein von der großen, anhaltenden Intensität, der unglaublichen Geduld, die er seinem Gegenstand widmet, um sich doch zugleich von ihm zu entfernen. Indem er ihn mit dem Gewebe seiner besonderen Art zu zeichnen in ein flirrendes, kaum fassbares Sein verwandelt, stellt er Nähe zum Gegenstand her, die ihn zugleich fremd und bei aller Präzision der Beobachtung fast abstrakt macht.

Sartorius stellt nicht einfach die Welt um sich herum dar, vielmehr gestaltet er damit einen inneren Kosmos. Seine kalkulierte und konzentrierte Arbeit am Gegenstand ist im besten Sinne eine obsessive künstlerische Arbeit, seine Arbeit eben, in der sich seine Lebenshaltung widerspiegelt. Es ist eine künstlerische Haltung, wie man sie auch bei Morandi oder in den Zeichnungen von Seurat findet. Eine Haltung, die Stille und Dauer  hervorbringt. In einer Zeit der Geschwindigkeit und Beschleunigung eine erstrebenswerte Alternative.

Der Kunsthistoriker Wieland Schmied schrieb einmal, er habe viele Jahre gebraucht, bis sich ihm eröffnet hat, dass der italienische Künstler Morandi, den auch Sartorius zu seinen Vorbildern zählt, nicht bloß Flaschen male und er fährt fort: „ Morandis Kunst bietet sich uns nicht an, sie drängt sich nicht auf, sie will aufgesucht sein. Wenn sie sich auch nirgends verschließt, so macht sie sich doch nirgends ohne weiteres plausibel, und so dachte ich, es wäre kein Geheimnis.“ (Essay von Wieland Schmied in: Giorgio Morandi, Diogenes, Zürich 1982). Mir ging es mit den Arbeiten von Malte Sartorius, als ich ihm noch als Studentin an der HBK begegnete, ähnlich. Es scheint mir, dass man eine gewisse Reife braucht, ein tieferes Verständnis für Kunst, um zu begreifen, dass sich aus den bescheidenen, alltäglichen Bildanlässen dieser Stillleben der Vorhang zu einer anderen Welt öffnet, die etwas mit Kontemplation, mit Harmonie und Würde zu tun hat. Die Bilder geben bei allem Realismus Rätsel auf, die jeder, der sie betrachtet, selbst herausfinden muss. Durch Anschauen. Und das bedarf Zeit, die Sie sich jetzt in dieser Ausstellung unbedingt nehmen sollten.